Aphasie (Sprachstörung)

Das Wort "Aphasie" stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Sprachlosigkeit". Diese wörtliche Interpretation ist jedoch ein wenig irreführend, da Menschen mit Aphasie ihre Sprache nicht komplett verlieren. Die Fähigkeit Sprache als Mittel zur Verständigung zu benutzen kann aber durch Erkrankungen, wie z.B. einen Schlaganfall, der eine Aphasie zur Folge hat, beeinträchtigt werden. In besonders schweren Fällen, kann das dazu führen, das die Betroffenen tatsächlich "sprachlos" wirken (es dennoch meist nicht völlig sind). Meistens zeigt sich die Aphasie aber als mehr oder minder stark ausgeprägte Störung in der sprachlichen Verständigung und damit im Alltag.

 

Wie zeigt sich das?
Einige leichter Betroffene merken "nur" ein vermehrtes Auftreten von Schwierigkeiten die passenden Wörter zu dem zu finden, was sie ausdrücken wollen. In leichten Fällen oder bei sogenannten Restaphasien (also sehr gut gebesserten Aphasien) kann es auch sein, dass Probleme nur noch in Stresssituationen oder im Gespräch mit mehreren Menschen gleichzeitig (Gruppensituation) auftreten. Vielleicht hat man auch Probleme sich auf längere Texte zu konzentrieren, oder kann den Radionachrichten nicht mehr richtig folgen.

Ist die Störung aber stärker ausgeprägt, dann ist das im Gespräch nicht mehr zu übersehen, bzw. überhören. Neben den Wortfindungsstörungen zeigen sich oft "falsche" Wörter, also Wörter die der Betroffene nicht oder nicht so äußern wollte. Fachleute sprechen von sog. Paraphasien, d.h. Wörtern, die dem eigentlich gemeinten Wort im Sinn oder in der Form ähnlich sind. Statt "Jacke" wird dann etwa "Mantel" (bedeutungsähnlich) oder "Watte" (klanglich ähnlich) gesagt. Außerdem kommt es zu Problemen beim Verstehen. Die Betroffenen erfassen das, was der Gesprächspartner sagt, z.B. nicht mehr ganz richtig, oder nicht mehr schnell genug um "am Ball" zu bleiben. Sie wirken dann manchmal unkonzentriert, vorschnell und "nicht bei der Sache". Auch die Verwendung der Schriftsprache ist mitbeeinträchtigt. Beim Schreiben passieren Fehler, die früher nicht gemacht wurden oder beim Lesen werden wichtige Aspekte des Textes überlesen.

In Fällen einer schweren Aphasie kann es sein, dass die Betroffenen sich nahezu gar nicht mehr lautsprachlich äußern können. Möglicherweise kann nur noch ein sog. Automatismus, also ein Wort, eine Silbe, ein Satz(teil) oder ein Floskel ("jaja", "s'is net leicht") automatisch, also unwillentlich, gesprochen werden. Meist ist dann auch das Sprachverstehen schwer beeinträchtigt, d.h. was andere sagen kann nur noch rudimentär und/oder falsch verstanden werden.

 

Wie kommt es dazu?

Aphasien sind sog. erworbene Sprachstörungen, d.h. sie werden durch ein Ereignis ausgelöst und die Betroffenen konnten vor dem Ereignis meist problemlos über ihre Sprache verfügen. Meistens stellen neurologische Erkrankungen diese Ereignisse dar. Die häufigste Ursache für Aphasien ist der Schlaganfall. Auch Hirnblutungen, Hirntumoren, Schädel-Hirn-Traumen oder entzündliche Erkrankungen des Gehirns können Aphasien zur Folge haben.

Immer handelt es sich dabei aber um eine Schädigung des Gehirns. Das menschliche Gehirn besteht aus zwei Hälften, den Hemispheren, die unterschiedliche Bereiche aufweisen, in denen die Nervenzellen (Neuronen) auf bestimmte Aufgaben spezialisiert sind. Die für die Sprache wichtigen Zellbereiche finden sich bei den meisten Menschen mehrheitlich in der linken Gehirnhälfte. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit eine Aphasie zu erleiden bedeutend höher, wenn der Schlaganfall oder die Schädigung die linke Hirnhälfte betrifft. Das besondere an der Funktionsweise des Gehirns ist seine enorme Vernetzung. D.h. eine Zelle alleine kann nicht sehr viel bewirken, aber sie ist mit vielen anderen Zellen (zum Teil mit im Gehirn weit entfernten Zellen) verbunden und kann Informationen austauschen. Wenn durch einen Schlaganfall oder eine andere Schädigung nun Zellen zerstört oder beschädigt werden, können die Informationen nicht mehr vollständig oder rechtzeitig oder korrekt ausgetauscht werden. Die Folge davon sind dann Störungen, wie die Aphasie sie darstellt.

 

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Es sind keineswegs nur die erkrankten Menschen selbst von ihrer Aphasie betroffen. Betroffene sind in diesem Sinne alle Menschen, die in Verständigungssituationen mit dem Problem Aphasie konfrontiert werden, die erkrankten Personen und alle, die mit ihnen Sprechen, Telefonieren, Emailen oder Korrespondenz betreiben. In erster Linie sind es also die erkrankten Menschen, ihre Familien und Angehörige. Betroffen kann aber auch die Kassiererin an der Supermarktkasse sein, wenn sie sich mit einem aphasischen Kunden verständigen will.

Verständigung ist das wohl wichtigste Bindeglied in unserem sozialen Zusammenleben. Deshalb leiden Menschen mit Aphasie vor allem sozial. Das beginnt bei der Erledigung des Alltags mit seinen ganz handfesten Bedürfnissen und reicht bis hin zu komplizierten sozialen Situationen, wie Liebe, Streit, Familienfeste, Verhandlungen mit Geschäftspartnern oder Arbeitskollegen. Nahezu ständig führt die Aphasie zu Problemen, Verzögerungen und Missverständnissen.

Als Reaktion auf die Erschwernisse ziehen sich sowohl die Aphasiker selbst, als auch die Menschen in ihrem sozialen Umfeld von ihnen zunehmend zurück. Das geschieht oft in einem Prozess, der über Jahre in die faktische Isolation der betroffenen Menschen führen kann und meistens die Beziehungen zwischen den Aphasikern und ihren Familien, Freunden und Bekannten erheblich belastet.

 

Was kann man tun?

Noch im Krankenhaus (Akutklinik) sollte beim Verdacht auf eine Sprachstörung in den ersten Tagen ein Sprachtherapeut überprüfen, ob tatsächlich eine Sprachstörung vorliegt. Es kann viele Gründe geben, warum ein Patient in den ersten Stunden oder Tagen nicht sprechen kann oder nicht spricht. Der Sprachtherapeut wird den Patienten -ggf. über mehrere Tage- beobachten und unter Umständen mit Testübungen versuchen eine Sprachstörung auszuschließen oder eben zu bestätigen. Bestätigt sich der Verdacht, sollte sofort mit der Therapie begonnen werden, sobald der Zustand des Patienten dies erlaubt.

Wenn die akutmedizinischen Maßnahmen abgeschlossen sind, der Patient also wieder auf den Beinen ist, sollte unbedingt eine stationäre Reha in einer Rehaklinik mit einer sprachtherapeutischen Abteilung begonnen werden. In der Reha kann dann intensive Therapie stattfinden.

Am Anfang steht dabei eine ausführliche und genaue Diagnostik um den individuellen Charakter der Sprachstörung zu erfassen. Dabei wird nicht nur nach den Symptomen (z.B. grammatisch falsche Sätze, Wortfindungsstörungen) geschaut, sondern auch, welche sprachlichen Handlungen der Patient im Alltag wie erfolgreich durchführen kann (z.B. Kaffee bestellen, den Weg erfragen). Es soll schließlich eingeschätzt werden können, inwieweit die Sprachstörung den Patienten daran hindert an seinem individuellen sozialen (normalen) Leben teilnehmen zu können (z.B. seinen Arbeitsplatz weiterhin ausfüllen, an der wöchentlichen Skatrunde teilnehmen).

In der Therapie werden dann auf allen drei Ebenen (Symptome, alltägliche Handlungen, Teilnehmen am sozialen Leben) individuelle Lösungen für den jeweiligen Patienten erarbeitet. Das kann in Form von Übungen, Rollenspielen oder Beratungsgesprächen sein. In die Therapie sollten die engen Angehörigen des Patienten intensiv mit einbezogen werden, da sie mitbetroffen sind und möglichst viel über die Problematik und mögliche Strategien des Umgangs damit erfahren sollen.

Nach Abschluss der stationären Reha in der Klinik sollte - wenn erforderlich- möglichst nahtlos die ambulante Therapie in einer sprachtherapeutischen Praxis vor Ort oder in einer Ambulanz einer Reha- oder Akutklinik erfolgen. Auch hier gilt das Prinzip: intensive Therapie. Dabei kann diese durchaus in Intervallen stattfinden, d.h. einige Wochen 3-5 mal pro Woche Therapie wechseln sich mit einigen Wochen Therapiepause ab. Diese Form hat sich in Studien als effektiver gezeigt, als wenn die Therapie nur 1-2 mal in der Woche stattfindet.

 

Was können Betroffene und Angehörige selbst machen?

Lassen Sie sich in jedem Fall von Fachleuten (Sprachtherapeuten) vor Ort beraten. Wenn eine Therapie erforderlich und möglich ist, kann die Sprachtherapeutin helfen alle erforderlichen Maßnahmen einzuleiten. Wenn die Therapie dann losgeht, sollten Sie sich als Angehörige nicht zurückziehen. 

Im Gegenteil: Sprechen Sie die Therapeutin an, Stellen Sie Ihr die Fragen, die Ihnen zu dem Thema kommen, erzählen Sie Ihr ruhig auch von Ihren Ängsten, Ihrem Kummer und ihrer eigenen Situation. Angehörige sollten von Beginn an in die Therapie einbezogen sein, weil sie einerseits mitbetroffen sind und andererseits viel besser als jeder Therapeut den Alltag, die Gewohnheiten und Interessen des betroffenen Patienten kennen. Das ist sehr wichtig für die Therapie!

Beginnen Sie sich selbst auch als jemanden zu betrachten, der viel zu diesem Thema lernen kann (und will). Je mehr die Angehörigen über Aphasie wissen, desto besser können Sie der betroffenen Person helfen und damit Verständigung mit ihr erleichtern. Fragen Sie nicht nur: "Was wird mit Ihm/Ihr (Patienten)?", sondern fragen Sie sich auch: "Was für eine Rolle spiele ich?"

In der täglichen Verständigung mit von Aphasie betroffenen Personen hilft es oft, wenn man folgendes Beachtet:

  • Sprechen Sie normal. Die/der Betroffene ist (in der Regel) nicht im Denken und Fühlen beeinträchtigt, sondern nur in der Fähigkeit sich sprachlich zu verständigen. Er/Sie wird merken, wenn Sie ihn/sie nicht "für voll" nehmen oder mit ihm/ihr reden, wie mit einem Kind, oder jemanden der nichts kapiert. Er/Sie wird dann auch entsprechend mit Ablehnung und Rückzug reagieren (würden Sie nicht auch?).
  • Achten Sie verstärkt darauf, ob sie sich gegenseitig richtig verstehen. Durch die Sprachstörung geht häufiger etwas schief in der Verständigung und Missverständnisse entstehen, die später mühsam geklärt werden müssen.
  • Vermeiden Sie ein zu hohes Tempo in den Gesprächen. Häufige und schnelle Themenwechsel sind schwierig für Aphasiker.
  • Halten Sie Blickkontakt. Sie werden sehen, ob Sie verstanden wurden und sie werden selbst zeigen können, wenn Sie selbst nicht sicher sind, ob Sie richtig verstanden haben (zeigen Sie das unbedingt!).
  • Lassen Sie der aphasischen Person die Zeit und den Raum sich auszudrücken. Das kann manchmal etwas dauern. Zuhören bedeutet: Warten! Nehmen Sie ihm/ihr nicht das Sprechen ab, ausgenommen er/sie bittet Sie darum. Das Ziel ist die Selbständigkeit des Aphasikers.
  • Nutzen Sie alle Mittel zur Verständigung. Manchmal hilft es Schlüsselwörter aufzuschreiben. Selbst wenn der Aphasiker nicht sicher lesen kann, hilft das Schriftbild unter Umständen. Auch einfache Zeichnungen, Kalender, Pläne, Karten und Bilder können in der Verständigung Wunder wirken.
  • Nachsprechen dient nicht der Verständigung. Daher sollten weder Sie noch der Aphasiker in normalen Gesprächen Übungen einbauen. Trennen Sie "echte" Gespräche und Übungen klar voneinander.
  • Das Ziel ist nicht das fehlerfreie Sprechen (wer kann das schon..?), sondern sich sicher zu verständigen. Das bedeutet, dass Sie verstehen, was der Aphasiker meint und umgekehrt. Überprüfen Sie häufiger, ob das klappt; fragen Sie nach, ob Sie richtig verstanden wurden/haben.
  • Beachten Sie, das Gespräche in der Gruppe für Aphasiker meist anstrengender und schwerer zu bewältigen sind, als Gespräche zu zweit.

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