Dysarthrie (Dysarthrophonie - Sprechstörung)

Im Gegensatz zur Aphasie, die das übergeordnete System der Verwendung des Systems Sprache mit Wortwahl, Grammatik und auch Schriftsprache betrifft, ist bei einer Dysarthrie (oder auch Dysarthrophonie) das Sprechsystem beeinträchtigt. Dieses System besteht aus den drei Komponenten der Atmung, Stimmgebung und Artikulation. Wenn infolge eines Schlaganfalls oder einer anderen neurologischen Erkrankung die Funktion eines oder mehrerer dieser Komponenten in ihrer Funktion beeinträchtigt sind, handelt es sich um eine neurogene Sprechstörung (oder Dysarthrie). 

Das heißt, dass Menschen, die unter einer "reinen" Dysarthrie leiden, normal Verstehen, Schreiben und Lesen können. Auch das Bilden wohlgeformter Sätze oder die Wortfindung sind unbeeinträchtigt. Statt dessen ist der Vorgang des Sprechens, also die Erzeugung von Lautsprache beeinträchtigt. Betroffene Menschen haben Probleme mit der Sprechatmung, der Stimme und/oder der Aussprache (Artikulation). Häufig sind mehrere dieser drei Bereiche gleichzeitig gestört, also die Atmung und die Stimme, oder Stimme und Artikulation, oder alle drei Bereiche.

Je nach dem, wie schwer die Dysarthrie ausgeprägt ist, kann das Sprechen der Betroffenen "nur" leicht undeutlich und verwaschen klingen oder aber bis hin zur völligen Unverständlichkeit oder Unfähigkeit zu Sprechen (Mutismus) gestört sein.

Dysarthrophonien können auch gleichzeitig mit einer Aphasie auftreten.

 

Wie zeigt sich das?

Sehr leicht Betroffene Menschen merken vielleicht "nur" subjektiv, dass sich ihr Sprechen oder ihre Stimme verändert hat. Außenstehende bemerken das möglicherweise gar nicht. Die betroffenen ziehen sich aber dennoch aus Gesprächen und sozialen Kontakten zurück, weil Sie sich nicht mehr in Gesellschaft zu sprechen trauen. Die Beschwerden treten dann vielleicht nur unter Stress oder bei Müdigkeit erkennbar zu Tage.

Ist die Störung aber stärker ausgeprägt, dann beeinträchtigt das ein Gespräch u.U. schon erheblich. Die Betroffenen sprechen zu leise oder zu schnell, oft auch undeutlich mit unverständlichen Passagen. Sie werden in der Öffentlichkeit möglicherweise für betrunken gehalten, weil das Sprechen sich wie ein Lallen anhört oder deutlich verlangsamt ist. Gespräche in größeren Gruppen oder unter erschwerten Bedingungen, wie höherer Umgebungslautstärke werden problematisch und anstrengend. Auch am Telefon sind die betroffenen Menschen häufiger nicht gut zu verstehen. Die Probleme werden den Betroffenen oft bewusst und hemmen sie dadurch zusätzlich beim freien Sprechen.

In Fällen einer schweren Dysarthrophonie können die Betroffenen vielleicht kaum noch verständliche Äußerungen machen. Möglicherweise ist die Stimme brüchig oder kaum noch zu hören. Lauteres reden oder Rufen sind unmöglich und man versteht den betroffenen kaum noch. Die Gesprächpartner müssen häufig nachfragen oder Äußerungsteile erschließen und erraten. Gespräche werden dann für die Beteiligten sehr anstrengend.

 

Wie kommt es dazu?

Auch Dysathrophonien sind sog. erworbene Sprechstörungen, d.h. sie werden durch ein Ereignis ausgelöst und die Betroffenen konnten vor dem Ereignis in der Regel problemlos über ihre Sprache verfügen. Meistens stellen neurologische Erkrankungen, oft aber auch operative Eingriffe diese Ereignisse dar. Die häufigste Ursache für Dysarthrophonien ist aber ebenfalls der Schlaganfall

Es handelt sich dabei aber immer um eine Schädigung des Gehirns. Die Bereiche für die Steuerung des Sprechens liegen zu großen Anteilen tieferliegenden (und entwicklungsgeschichtlich älteren) Teilen des Gehirns (Kleinhirn, Hirnstamm). Hier entspringen auch die sog. Hirnnerven, so etwas wie Hauptleitungen bei der Steuerung des Organismus. Daher steigt die Wahrscheinlichkeit eine Dysarthrie zu erleiden, wenn diese Bereiche geschädigt werden.

 

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Auch von Sprechstörungen sind nicht nur die erkrankten Menschen selbst betroffen. Alle Menschen, die in Verständigungssituationen mit der Dysarthrie konfrontiert sind, werden durch die Folgen bei Gesprächen, Telefonaten beeinträchtigt. In erster Linie sind es also die erkrankten Menschen selbst, ihre Familien und Angehörige. Mitbetroffen kann aber auch die Verkäuferin im Geschäft sein, wenn sie nicht verstehen kann, was ihr dysarthrischer Kunde sagen will.

Verständigung ist die Kernzelle unseres sozialen Zusammenlebens. Deshalb leiden Menschen mit Dysarthrie sozial. Sie werden, "schief angesehen", für betrunken gehalten und diskriminiert. Andere Menschen meiden das Gespräch mit den Betroffenen um den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. In vielen Fällen kann der Beruf nicht mehr ausgeübt werden (z.B. Lehrer oder Verkäufer) und ein "normales" Telefonat kann zur Tortur werden. Ständig macht sich die Dysarthrie bemerkbar.

Die Reaktion ist meist der soziale Rückzug in die Isolation. Beziehungen werden belastet und die Selbständigkeit im gewohnten Leben der Betroffenen geht nach und nach verloren.

 

Was kann man tun?

Ein Sprachtherapeut sollte schon im Krankenhaus (Akutklinik) bei Verdacht auf eine Sprechstörung baldmöglichst überprüfen, ob es tatsächlich eine Dysarthrophonie ist. Es kann viele Gründe geben, warum ein Patient in den ersten Stunden oder Tagen nicht sprechen kann oder nicht spricht. Der Sprachtherapeut wird den Patienten -ggf. über mehrere Tage- beobachten und unter Umständen mit Testübungen versuchen eine Sprechstörung auszuschließen oder eben zu bestätigen. Bestätigt sich der Verdacht, sollte sofort mit der Therapie begonnen werden, sobald der Zustand des Patienten dies erlaubt.

Wenn die akutmedizinischen Maßnahmen abgeschlossen sind, der Patient also wieder auf den Beinen ist, sollte möglichst eine stationäre Reha in einer Rehaklinik mit einer sprachtherapeutischen Abteilung begonnen werden. In der Reha kann dann ggf. intensive Therapie stattfinden Falls keine Reha in einer Rehaklinik erfolgt, sollte zumindest ambulant eine Sprachtherapie (in einer Praxis) erfolgen.

Anfangs wird durch eine ausführliche und genaue Diagnostik die individuelle Ausprägung der Störung erfasst. Dabei wird nicht nur nach den Symptomen (z.B. leise Stimme, undeutliche Laute) geschaut, sondern auch, wie  der Patient im Alltag mit dem Problem umgeht. Es soll schließlich eingeschätzt werden können, inwieweit die Sprechstörung den Patienten daran hindert an seinem individuellen sozialen (normalen) Leben teilnehmen zu können (z.B. seinen Arbeitsplatz weiterhin ausfüllen, seine Rolle in der Familie erfüllen).

In der Therapie werden dann auf allen drei Ebenen (Symptome, alltägliche Handlungen, Teilnehmen am sozialen Leben) individuelle Lösungen für den jeweiligen Patienten erarbeitet. Das geschieht sowohl in Form von Übungen, als such in Rollenspielen oder Beratungsgesprächen . In die Therapie sollten die engen Angehörigen des Patienten intensiv mit einbezogen werden, da sie mitbetroffen sind und möglichst viel über die Problematik und mögliche Strategien des Umgangs damit erfahren sollen. Auch das tägliche Eigentraining stellt eine Säule der Therapie dar und ist unverzichtbar. Welche Übungen helfen, wird eng mit der Therapeutin besprochen.

Nach Abschluss der stationären Reha in der Klinik sollte - wenn erforderlich- möglichst nahtlos die ambulante Therapie in einer sprachtherapeutischen Praxis vor Ort oder in einer Ambulanz einer Reha- oder Akutklinik erfolgen. Auch hier gilt bei schweren Dysarthrien das Prinzip: intensive Therapie. Dabei kann diese durchaus in Intervallen stattfinden, d.h. einige Wochen 3-5 mal pro Woche Therapie wechseln sich mit einigen Wochen Therapiepause ab. Diese Form hat sich in Studien als effektiver gezeigt, als wenn die Therapie nur 1-2 mal in der Woche stattfindet. Bei leichteren Ausprägungen der Störung kann die Konsultation der Therapeutin dann auch nur noch kontrollierende Funktion haben. Der Patient übernimmt das Üben dann vollständig selbst.

 

Was können Betroffene und Angehörige selbst machen?

Lassen Sie sich in jedem Fall von Fachleuten (Sprachtherapeuten) vor Ort beraten. Wenn eine Therapie erforderlich und möglich ist, kann die Sprachtherapeutin helfen alle erforderlichen Maßnahmen einzuleiten. Wenn die Therapie dann losgeht, sollten Sie sich als Angehörige nicht zurückziehen. 

Im Gegenteil: Sprechen Sie die Therapeutin an, Stellen Sie Ihr die Fragen, die Ihnen zu dem Thema kommen, erzählen Sie Ihr ruhig auch von Ihren Ängsten, Ihrem Kummer und ihrer eigenen Situation. Angehörige sollten von Beginn an in die Therapie einbezogen sein, weil sie einerseits mitbetroffen sind und andererseits viel besser als jeder Therapeut den Alltag, die Gewohnheiten und Interessen des betroffenen Patienten kennen. Das ist sehr wichtig für die Therapie!

Beginnen Sie sich selbst auch als jemanden zu betrachten, der viel zu diesem Thema lernen kann (und will). Je mehr die Angehörigen über die Dysarthrie wissen, desto besser können Sie der betroffenen Person helfen, damit die Verständigung im Alltag möglichst klappt. Fragen Sie nicht nur: "Was wird mit Ihm/Ihr (Patienten)?", sondern fragen Sie sich auch: "Was für eine Rolle spiele ich?"

In der täglichen Verständigung Dysarthrikern hilft es, wenn man folgendes Beachtet:

  • Sprechen Sie normal. Die/der Betroffene ist (in der Regel) nicht im Denken und Fühlen beeinträchtigt, sondern nur in der Fähigkeit zu sprechen. Er/Sie wird merken, wenn Sie ihn/sie nicht "für voll" nehmen oder mit ihm/ihr reden, wie mit einem Kind, oder jemanden der nichts kapiert. Er/Sie wird dann auch entsprechend mit Ablehnung und Rückzug reagieren (würden Sie nicht auch?).
  • Achten Sie verstärkt darauf, ob sie wirklich richtig verstehen, was der/die Betroffene sagen will. Missverständnisse müssen mühsam geklärt werden.
  • Lassen Sie der dysarthrischen Person die Zeit und den Raum zuende zu sprechen. Das kann manchmal etwas dauern. Zuhören bedeutet: Warten! Nehmen Sie ihm/ihr nicht das Sprechen ab, ausgenommen er/sie bittet Sie darum.
  • Nutzen Sie alle Mittel zur Unterstützung der Verständigung. Gesten oder Zeigen kann helfen. Zur Not kann etwas aufgeschrieben oder gemalt werden.
  • Trennen Sie "echte" Gespräche und Übungen klar voneinander. Allerdings stellt jedes Gespräch die beste Übung dar, die gemacht werden kann.
  • Das Ziel ist nicht das fehlerfreie Sprechen (wer kann das schon..?), sondern sich sicher zu verständigen. Das bedeutet, dass es reicht, wenn zu verstehen ist, was der Dysarthriker sagt; es muss nicht perfekt ausgesprochen werden. 
  • Beachten Sie, das Gespräche in der Gruppe meist anstrengender und schwerer zu bewältigen sind, als Gespräche zu zweit.
  • Eine ruhige Umgebung, Konzentration und ausreichend Zeit helfen den betroffenen Menschen.

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