Sprechapraxie (Sprechstörung)

Die Wissenschaft streitet noch darüber, ob die Sprechapraxie eigentlich eine Sprech- oder eine Sprachstörung sei. Ursache ist aber wie bei der Dysarthrophonie oder der Aphasie eine neurologische Erkrankungen, wie Schlaganfall, Schädel-Hirn-Trauma (SHT) oder eine Hirnblutung.

Sprechapraxien treten häufig zusammen mit Aphasien auf, von denen sie manchmal nur schwer abzugrenzen sind. Während die Aphasie aber die übergeordnete Verarbeitung von Sprache als System in allen sprachlichen Modalitäten (Sprechen, Verstehen, Schreiben, Lesen) betrifft, beeinträchtigt die Sprechapraxie nur die Modalität des Sprechens. Allerdings ist weniger die Funktionen der am Sprechen beteiligten Organe selbst betroffen, sondern eher die Planung und Berechnung der Sprechbewegungen. Diese sind aufgrund der großen Geschwindigkeit, mit der wir sprechen und aufgrund der hohen Präzision, mit der sie ausgeführt werden müssen, besonders stark automatisiert und anfällig für Störungen. 

 

Wie zeigt sich das?

Je nach Schweregrad, kommt es beim Sprechen mehr oder weniger häufig zu entstellten und fehlerhaften Lauten und Worten, stotterartigen Symptomen oder Satzabbrüchen

Bei mittelgradig oder schwer betroffenen Patienten ist häufig bereits das erste Wort ein unüberwindbares Hindernis. Dennoch kann es sein, dass Floskeln oder auch Flüche manchmal fehlerfrei gesprochen werden, wenn sie im "Eifer des Gefechts" geäußert werden (Inseln störungsfreien Sprechens). Leichtere Sprechapraxien zeigen sich vielleicht noch als Störung des Sprechflusses oder auch als Anstrengung beim spontanen Sprechen.

Bei einer reinen Sprechapraxie sind die Patienten jedoch in der Lage problemlos zu Lesen und zu Schreiben. Diese reinen Sprechapraxien sind aber selten. Meistens besteht zusätzlich eine Aphasie, so dass dann die Schriftsprache auch beeinträchtigt ist.

 

Wie kommt es dazu?

Sprechapraxien zählen ebenfalls zu den erworbene Sprachstörungen, d.h. sie werden durch ein Ereignis ausgelöst und die Betroffenen konnten vor dem Ereignis in der Regel problemlos über ihre Sprache verfügen. Meistens stellen neurologische Erkrankungen, oft aber auch operative Eingriffe diese Ereignisse dar. Die häufigste Ursache für Sprechapraxien ist aber ebenfalls der Schlaganfall

 

Was bedeutet das für die Betroffenen?

Wie bei den aphasischen oder dysarthrischen Beeinträchtigungen sind auch hier nicht nur die erkrankten Menschen selbst betroffen. Alle Menschen, die in Verständigungssituationen mit der Sprechapraxie konfrontiert sind, werden durch die Folgen z.B. in Gesprächen und Telefonaten beeinträchtigt. In erster Linie sind das die erkrankten Menschen, ihre Familien und Angehörige, aber im Grundsatz jede(r), der mit einem Sprechapraktiker ein Gespräch führen möchte.

Da die Verständigung mit einer Sprechapraxie häufig nicht gelingt und viel mehr Zeit braucht, wird der normale soziale Kontakt im Alltag enorm erschwert. Menschen mit Sprechapraxie leiden sozial. Sie werden, "schief angesehen" und gemieden. In Gesprächen werden sie nicht ernst genommen oder ausgegrenzt. Andere Menschen meiden das Gespräch mit den Betroffenen um den Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Häufig können die Patienten ihren  Beruf nicht mehr ausüben. Die Störung ist allgegenwärtig und immer zu spüren.

Die Reaktion ist meist der soziale Rückzug in die Isolation. Beziehungen werden belastet und die Selbständigkeit im gewohnten Leben der Betroffenen geht nach und nach verloren.

 

Was kann man tun?

Ein Sprachtherapeut sollte schon im Krankenhaus (Akutklinik) bei Verdacht auf eine Sprechapraxie baldmöglichst überprüfen, ob tatsächlich eine solche vorliegt. Es kann viele Gründe geben, warum ein Patient in den ersten Stunden oder Tagen nicht sprechen kann oder nicht spricht. Der Sprachtherapeut wird den Patienten -ggf. über mehrere Tage- beobachten und unter Umständen mit Testübungen versuchen eine Sprechstörung auszuschließen oder eben zu bestätigen. Bestätigt sich der Verdacht, sollte sofort mit der Therapie begonnen werden, sobald der Zustand des Patienten dies erlaubt.

Wenn die akutmedizinischen Maßnahmen abgeschlossen sind, der Patient also wieder auf den Beinen ist, sollte möglichst eine stationäre Reha in einer Rehaklinik mit einer sprachtherapeutischen Abteilung begonnen werden. In der Reha kann dann ggf. intensive Therapie stattfinden Falls keine Reha in einer Rehaklinik erfolgt, sollte zumindest ambulant eine Sprachtherapie (in einer Praxis) erfolgen.

Anfangs wird durch eine ausführliche und genaue Diagnostik die individuelle Ausprägung der Störung erfasst. Dabei wird nicht nur nach den Symptomen (z.B. leise Stimme, undeutliche Laute) geschaut, sondern auch, wie  der Patient im Alltag mit dem Problem umgeht. Es soll schließlich eingeschätzt werden können, inwieweit die Sprechstörung den Patienten daran hindert an seinem individuellen sozialen (normalen) Leben teilnehmen zu können (z.B. seinen Arbeitsplatz weiterhin ausfüllen, seine Rolle in der Familie erfüllen).

In der Therapie werden dann auf allen drei Ebenen (Symptome, alltägliche Handlungen, Teilnehmen am sozialen Leben) individuelle Lösungen für den jeweiligen Patienten erarbeitet. Das geschieht sowohl in Form von Übungen, als such in Rollenspielen oder Beratungsgesprächen . In die Therapie sollten die engen Angehörigen des Patienten intensiv mit einbezogen werden, da sie mitbetroffen sind und möglichst viel über die Problematik und mögliche Strategien des Umgangs damit erfahren sollen. Auch das tägliche Eigentraining stellt eine Säule der Therapie dar und ist unverzichtbar. Welche Übungen helfen, wird eng mit der Therapeutin besprochen.

Nach Abschluss der stationären Reha in der Klinik sollte - wenn erforderlich- möglichst nahtlos die ambulante Therapie in einer sprachtherapeutischen Praxis vor Ort oder in einer Ambulanz einer Reha- oder Akutklinik erfolgen. Auch hier gilt bei schweren Dysarthrien das Prinzip: intensive Therapie. Dabei kann diese durchaus in Intervallen stattfinden, d.h. einige Wochen 3-5 mal pro Woche Therapie wechseln sich mit einigen Wochen Therapiepause ab. Diese Form hat sich in Studien als effektiver gezeigt, als wenn die Therapie nur 1-2 mal in der Woche stattfindet. Bei leichteren Ausprägungen der Störung kann die Konsultation der Therapeutin dann auch nur noch kontrollierende Funktion haben. Der Patient übernimmt das Üben dann vollständig selbst.

 

Was können Betroffene und Angehörige selbst machen?

Lassen Sie sich in jedem Fall von Fachleuten (Sprachtherapeuten) vor Ort beraten. Wenn eine Therapie erforderlich und möglich ist, kann die Sprachtherapeutin helfen alle erforderlichen Maßnahmen einzuleiten. Wenn die Therapie dann losgeht, sollten Sie sich als Angehörige nicht zurückziehen

Im Gegenteil: Sprechen Sie die Therapeutin an, Stellen Sie Ihr die Fragen, die Ihnen zu dem Thema kommen, erzählen Sie Ihr ruhig auch von Ihren Ängsten, Ihrem Kummer und ihrer eigenen Situation. Angehörige sollten von Beginn an in die Therapie einbezogen sein, weil sie einerseits mitbetroffen sind und andererseits viel besser als jeder Therapeut den Alltag, die Gewohnheiten und Interessen des betroffenen Patienten kennen. Das ist sehr wichtig für die Therapie!

Beginnen Sie sich selbst auch als jemanden zu betrachten, der viel zu diesem Thema lernen kann (und will). Je mehr die Angehörigen über die Störung wissen, desto besser können Sie der betroffenen Person helfen, damit die Verständigung im Alltag möglichst klappt. Fragen Sie nicht nur: "Was wird mit Ihm/Ihr (Patienten)?", sondern fragen Sie sich auch: "Was für eine Rolle spiele ich?"

In der täglichen Verständigung Dysarthrikern hilft es, wenn man folgendes Beachtet:

  • Sprechen Sie normal. Die/der Betroffene ist (in der Regel) nicht im Denken und Fühlen beeinträchtigt, sondern nur in der Fähigkeit zu sprechen. Er/Sie wird merken, wenn Sie ihn/sie nicht "für voll" nehmen oder mit ihm/ihr reden, wie mit einem Kind, oder jemanden der nichts kapiert. Er/Sie wird dann auch entsprechend mit Ablehnung und Rückzug reagieren (würden Sie nicht auch?).
  • Achten Sie verstärkt darauf, ob sie wirklich richtig verstehen, was der/die Betroffene sagen will. Missverständnisse müssen mühsam geklärt werden.
  • Lassen Sie der betroffenen Person die Zeit und den Raum zuende zu sprechen. Das kann manchmal etwas dauern. Zuhören bedeutet: Warten! Nehmen Sie ihm/ihr nicht das Sprechen ab, ausgenommen er/sie bittet Sie darum.
  • Nutzen Sie alle Mittel zur Unterstützung der Verständigung. Gesten oder Zeigen kann helfen. Zur Not kann etwas aufgeschrieben oder gemalt werden.
  • Trennen Sie "echte" Gespräche und Übungen klar voneinander. Allerdings stellt jedes Gespräch die beste Übung dar, die gemacht werden kann.
  • Das Ziel ist nicht das fehlerfreie Sprechen (wer kann das schon..?), sondern sich sicher zu verständigen. Das bedeutet, dass es reicht, wenn zu verstehen ist, was gemeint war; es muss nicht perfekt ausgesprochen werden. 
  • Beachten Sie, das Gespräche in der Gruppe meist anstrengender und schwerer zu bewältigen sind, als Gespräche zu zweit.
  • Eine ruhige Umgebung, Konzentration und ausreichend Zeit helfen den betroffenen Menschen.

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